Evangelische Sankt Petersgemeinde
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Pfarrer Johannes Kalchreuter, 11.9.16, über 2. Timotheus 1,7

Am 5. April 1943 wurde der Pfarrer und Theologe Dietrich Bonhoeffer verhaftet und in das Untersuchungsgefängnis nach Tegel gebracht. Zwei Jahre später wurde er wegen seiner Beteiligung am Widerstand gegen das NS-Regime hingerichtet. Aus seiner Haft schreibt er eine ganze Reihe von Briefen, in denen er sehr persönlich Rückblick auf sein bisheriges Leben hält. Er entwirft aber auch in den Briefen eine Theologie, die sich den großen Herausforderungen der damaligen Zeit stellt. Bis heute hat sie nichts von ihrer Kraft verloren.
Als ich mich auf diesen Gottesdienst vorbereitet habe, ist mir eine Stelle aus Bonhoeffers Briefen in den Sinn gekommen. Am 21. Juli 1944 schreibt er: „Ich erinnere mich eines Gesprächs, das ich vor 13 Jahren in Amerika mit einem französischen Pfarrer hatte. Wir hatten uns ganz einfach die Frage gestellt, was wir mit unserem Leben eigentlich wollten. Da sagte er: ich möchte ein Heiliger werden (und ich halte für möglich, dass er es geworden ist); das beindruckte mich damals sehr. Trotzdem widersprach ich ihm und sagte ungefähr: ich möchte glauben lernen.“
Dietrich Bonheoffer berichtet hier von einer Begegnung, die 13 Jahre zurückliegt. Es muss also das Jahr 1931 gewesen sein. Da hielt sich Dietrich Bonhoeffer als 25-Jähriger in den Vereinigten Staaten auf. Die Katastrophe, die das Naziregime über Europa und die Welt bringen würde, war selbst für aufmerksame Zeitgenossen noch nicht abzusehen. Ich stelle mir vor, wie die beiden jungen Männer – vielleicht bei einem Glas Wein – ins Gespräch kommen. Mit einem Mal landen sie bei der Frage, was sie mit ihrem Leben eigentlich wollen. Eine ziemlich grundsätzliche Frage, die sich bestimmt jeder und jede in der einen oder anderen Weise schon mal gestellt hat. Was will ich mit meinem Leben eigentlich? Wer am Anfang seines beruflichen Wirkens wie der 25-jährige Bonhoeffer steht, dem drängt sich die Frage förmlich auf. Aber auch Jugendliche, die sich für eine Ausbildung entscheiden, müssen sich schon mit dieser Frage herumschlagen.
Was will ich mit meinem Leben eigentlich? In Krisenzeiten, bei der Entscheidung für Kinder, bei der Karriereplanung, beim Eintritt in den Ruhestand – immer wieder stellt sich die Frage neu und anders. Irgendwann bekommt die Frage dann einen anderen Klang. Wenn ich zurückblicke auf mein Leben. Was wollte ich eigentlich im Leben und was davon habe ich erreicht?
Auch für mich stellt sich selbstverständlich diese Frage an einem Tag, in dem ich in mein Amt als Pfarrer der Sankt Petersgemeinde eingeführt werde.
Die Antwort, die der französische Pfarrer auf diese Frage im Gespräch mit Dietrich Bonhoeffer gibt, ist dann aber doch einigermaßen ungewöhnlich: Er möchte ein Heiliger werden. Bonhoeffer ist davon sichtlich beeindruckt. Aber er widerspricht ihm und sagt: „Ich möchte glauben lernen.“ Beide Männer bringen mit ihren Antworten Gott ins Spiel. Nun ja, beides sind Theologen.
Trotzdem gibt es zwischen beiden Antworten eine tiefe Differenz, die für Bonhoeffer von entscheidender Bedeutung ist. Er erklärt es selbst: „Lange Zeit habe ich die Tiefe dieses Gegensatzes nicht verstanden. Ich dachte, ich könnte glauben lernen, indem ich selbst so etwas wie ein heiliges Leben zu führen versuchte. .... Später erfuhr ich und ich erfahre es bis zur Stunde, dass man erst in der vollen Diesseitigkeit des Lebens glauben lernt. Wenn man völlig darauf verzichtet hat, aus sich selbst etwas zu machen – sei es einen Heiligen oder einen bekehrten Sünder oder einen Kirchenmann (eine sogenannte priesterliche Gestalt!), einen Gerechten oder einen Ungerechten … – und dies nenne ich Diesseitigkeit: nämlich in der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeit leben, – dann wirft man sich Gott ganz in die Arme ….“
Wir sollen darauf verzichten, etwas aus uns machen zu wollen, so Bonhoeffer. Dabei geht es ihm um nichts Geringeres als darum, wie ein Leben aussieht, das sich im Glauben gründet.
Wir sollen darauf verzichten, etwas aus uns machen zu wollen. Das ist eine große Zumutung. Denn wir haben doch gelernt, wie wichtig es ist, jemand zu sein: ein liebevoller Vater, eine zuverlässige Mitarbeiterin in der Firma, ein verständnisvoller Freund, eine einfühlsame Lehrerin, ein guter Pfarrer, ein engagierter Mitmensch. Und wir brauchen es doch auch, dass andere uns so wahrnehmen, anerkennen, was wir leisten.
Dietrich Bonhoeffer ist zu seiner Einsicht in schwierigen Zeiten gekommen, die ihm viel zugemutet haben. Da war die Frage, was er für sein Leben wollte, in den Hintergrund getreten. Er hat sich den Zumutungen seiner Zeit gestellt und ist in den Widerstand gegangen, ohne ein Heiliger zu werden.
Ja, es ist eine Zumutung, was Bonhoeffer hier schreibt. Und doch eine Zumutung, die heilsam sein kann. Denn vielleicht geht es nicht darum, dass wir darauf verzichten sollen, etwas aus uns zu machen, sondern es tatsächlich auch können. So können wir in der Fülle der Aufgaben und Fragen, Erfolge und Misserfolge, in unseren Erfahrungen und unserer Ratlosigkeit Gott begegnen. Denn darum geht es Bonhoeffer hier vor allem: ein Leben vor Gott und mit Gott bedeutet, dass man das Leben in Verantwortung gestaltet – mit allem Gelingenden und allem Scheitern, mit allen Herausforderungen, vor denen wir stehen.
Wie wir eine solche Zumutung meistern können, darauf gibt vielleicht ein Vers aus dem 1. Timotheusbrief einen Hinweis. Er stammt aus dem Predigttext für den heutigen Sonntag und ich habe ihn als Leitspruch für meinen Einführungsgottesdienst gewählt: „Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Der Apostel Paulus richtet diese Worte an seinen Mitarbeiter Timotheus. Wir wissen heute, dass der Brief eigentlich gar nicht von Paulus stammt. Er ist lange nach dessen Tod geschrieben worden. Da schlüpft jemand in die Haut des Apostels, um mit seiner Autorität die Menschen zu stärken und zu ermutigen.
Dieser Paulus sitzt im Gefängnis, er muss mit dem Tod rechnen. In einer ganz ähnlichen Situation schrieb auch Bonhoeffer seine Briefe. Dieser Paulus schreibt an einen, der den Mut verloren hat. Timotheus verkündet das Evangelium, aber die Menschen wollen ihn nicht mehr hören. Sie kritisieren ihn, sie feinden ihn an, verleumden und bedrängen ihn. Er fühlt sein Scheitern, hat nichts erreicht, von dem was er wollte. Da kommt dieser Brief und er liest darin: „Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.“
Der Geist der Furcht oder der Geist der Verzagtheit, wie es in einer anderen Übersetzung heißt. Ein solcher Geist hält Menschen gefangen, lähmt sie. Die Probleme und Zumutungen des Lebens scheinen übermächtig. Kein Boden mehr unter den Füßen. Es ist ein Geist, der mich in sich verschließen will, wenn ich mich den Herausforderungen des Lebens nicht mehr gewachsen fühle. Ein Geist, der mich furchtsam immer wieder bangen lässt, ob ich wirklich der Mensch bin, der ich doch eigentlich sein möchte.
Nein, ein solcher Geist soll uns nicht bestimmen. Sondern ein anderer Geist. Ein Geist, der uns Kraft gibt. Im Griechischen steht da dynamis. Das hat mit Bewegung und Dynamik zu tun. Neues wird möglich, wo alles festgefahren scheint.
Ein Geist, der uns Liebe gibt. Das klingt nach Gemeinschaft, Verbundenheit, Beziehung. Wir müssen nicht ängstlich um uns selbst kreisen, sondern können auf andere zugehen, gemeinsam die Dinge anpacken.
Ein Geist, der uns Besonnenheit gibt. Wir müssen uns nicht verrückt machen, haben keinen Grund uns voller Panik in Aktionismus zu stürzen. Wir haben die Fähigkeit, angemessen zu beurteilen, klar zu denken und abzuwägen.
Kraft und Liebe und Besonnenheit – all das wird uns zugetraut. All das führt uns aus unserer eigenen Enge hinaus. Und all das müssen wir nicht aus eigenem Vermögen bewerkstelligen. Wir müssen den Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit nicht in uns selbst erwecken. Er ist uns gegeben, geschenkt. Von Gott. Wir können uns ihm nur überlassen. Darauf vertrauen, dass er in uns wirkt und uns bewegt.
Was wollen wir im Leben erreichen, wer wollen wir sein? Ich glaube, Dietrich Bohoeffer hat etwas sehr treffend in Worte gefasst: Wir brauchen nicht beständig daran zu arbeiten, jemand zu sein. Darüber nachdenken, wie wir uns darstellen wollen. Jeden Tag sind wir mit Aufgaben und Herausforderungen konfrontiert, denen wir uns stellen müssen, ob als Mutter, als Lehrer, als Kirchenvorsteherin, als Pfarrer oder einfach als Mitmensch. Und das können wir auch ganz ohne Furcht. Denn Gott hat uns ausgestattet mit dem Geist der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Gott traut uns viel zu. Deshalb können wir uns auch eine Menge zutrauen. Indem wir die Dinge anpacken, werden wir die Menschen, die wir sein können und schon sind. Wir müssen nicht ständig daran arbeiten.
Dietrich Bonhoeffer hat auf die Frage, was er mit seinem Leben eigentlich will, geantwortet: Ich möchte glauben lernen. Was für eine wunderbare Antwort. Bonhoeffer war, als er das sagte, 25 Jahre alt. Das bin ich heute nicht mehr. Und doch kann auch ich den Satz voll und ganz unterschreiben: Ja, ich möchte glauben lernen. Das ist keine Frage des Alters oder der Lebenserfahrung, denn unser Glaube ist immer auf dem Weg, bewährt und verändert sich. Und was gäbe es für einen besseren Ort, gemeinsam glauben zu lernen, als eine Kirchengemeinde. In den nächsten Jahren wird es in der Sankt Petersgemeinde viele Aufgaben und Herausforderungen geben, kleine und große. Ich bin überzeugt, wir werden sie gemeinsam meistern. Denn Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Und indem wir das tun, werden wir Gott begegnen. Für mich ein Grund, mich auf die nächsten Jahre in der Sankt Petersgemeinde zu freuen. Amen.

 

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