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Predigt am 28. August 2016 (14. Sonntag nach Trinitatis) von J. Kalchreuter

Sie wagen nicht ihre Augen zu heben, anderen direkt ins Gesicht zu schauen. Ihr Blick ist immer auf den Boden gerichtet. Sirkit, die Frau aus Eritrea weiß, warum das so ist: Weil Furcht und Angst sie beherrschen. Furchtsame Menschen sehen anderen nicht direkt ins Gesicht. Damit sie mit ihrem Blick nicht etwa Unwillen oder Tadel auslösen. Furchtsame Menschen senken ihre Augen, blinzeln, wagen nicht, mit ihrem Blick ein Stückchen vom Gesicht eines anderen Menschen einzufordern. So sind sie: Augen auf die Erde der Wüste oder auf die Bodenfliesen unter ihren Füßen. Aber niemals erhobene, herausfordernde Augen, die sagen: Ich bin da.
Mit diesen Worten beschreibt Sirkit ihre Landsleute aus Eritrea, die wie sie illegal als Flüchtlinge nach Israel gekommen waren. Jetzt schlagen sie sich mit Aushilfsjobs in der Wüstenstadt Beersheva durch, beständig die Angst im Nacken, entdeckt zu werden. Sirkits Geschichte erzählt uns die israelische Autorin Ayelet Gundar-Goshen in ihrem Roman „Löwen wecken“.
Auch Sirkit selbst kennt diese Angst, die sie unsichtbar macht für andere Menschen. Sie senkt ihre Augen und verschwindet. Sie wurde ein Käfer. So schildert sie ihre Erfahrungen, die sie als stumme Aushilfe in einem Lokal macht. Manchmal unterhielten die Gäste sich weiter, wenn sie sich zwischen sie beugte und die Teller einsammelte, manchmal verstummten sie. Aber niemals blickten sie sie an, weder lächelnd noch missbilligend. Nur die Kinder, die jüngeren unter ihnen, stellten manchmal Blickkontakt her. Mit neugierigen oder ängstlichen, lachenden oder tränennassen Augen. Und sie wollte sie auch gern anschauen, wandte aber sofort den Blick ab. Weil sie nicht wusste, ob es erlaubt war.
Ayelet Gundar-Goshen stellt uns Menschen vor Augen, die ganz von Furcht beherrscht sind, die eins mit ihrer Angst geworden sind. Wie es dazu gekommen ist, deutet sie nur an: Immer wiederkehrende Erfahrungen von Gewalt, Demütigung und Herabsetzung. Angst wirft Menschen auf sich selbst zurück, schließt sie ein, errichtet eine unsichtbare Mauer zu den anderen. Aber nicht nur die Angst kann in einen Menschen hineinkriechen und ihn beherrschen. Auch Wut oder Trauer können einen Menschen so ausfüllen, dass für nichts anderes mehr Platz ist. Menschen können selbst durch unstillbaren Geltungswillen oder Erfolgszwang zum Sklaven ihrer selbst werden.
Wir teilen nicht die Erfahrungen mit Sirkit und ihren Landsleuten. Aber ich glaube, gänzlich fremd ist es uns nicht, wovon sie spricht. Es gibt Zeiten im Leben, wo vielleicht auch wir das kennen: das Gefühl von etwas beherrscht zu werden, ohne dass wir es wollen.
Im Roman „Löwen wecken“ begegnet uns noch eine andere Figur, so etwas wie eine Gegenfigur zu Sirkit. Etan, ein erfolgreicher Neurochirurg mit einer Villa am Stadtrand, selbstbewusst, unabhängig, Herr seiner selbst. Er blickt den anderen fest in die Augen. Das fällt Sirkit sofort auf. Natürlich ist auch ihm Angst vertraut. Aber die Angst ist bei ihm ein ungebetener Gast, keinesfalls ein ständiger Bewohner. Dass Sirkit und Etan, zwei Menschen aus so unterschiedlichen Welten aufeinandertreffen, verdankt sich dramatischen Umständen. Hier die Eritreerin, geprägt durch ihre Erfahrungen auf der Flucht, gefangen in Angst und Furcht. Dort Etan, beseelt vom Ideal innerer Freiheit und Unabhängigkeit.
Wo stehen wir mit unseren Erfahrungen, mit unseren Idealen? Welche Erfahrungen prägen uns? Welche Ideale haben wir vor Augen? Wovon lassen wir uns bestimmen? Das sind große Fragen, Fragen, über die wir sicherlich nicht jeden Tag nachdenken. Und doch hängt einiges davon ab, wie wir für uns diese Fragen beantworten wollen. Wovon lassen wir uns bestimmen in unserem Fühlen, in unserem Denken, in unserem Handeln?
Der Apostel Paulus hatte für sich eine Antwort auf diese Frage gefunden. Und als eifriger Missionar für die Sache Jesu Christi hat er sie weitergegeben, sie immer wieder variiert. In seinem Brief an die Gemeinde in Rom hat er seine tiefsten Glaubensüberzeugungen dargelegt in der Hoffnung, dass die jungen Christen in der römischen Metropole sie mit ihm teilen. Hören wir auf das, was er ihnen damals und uns heute zu sagen hat. Ich lese aus dem Römerbrief im 8. Kapitel die Verse 14 bis 17.
Welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder. Denn ihr habt nicht einen knechtischen Geist empfangen, dass ihr euch abermals fürchten müsstet; sondern ihr habt einen kindlichen Geist empfangen, durch den wir rufen: Abba, lieber Vater!
Der Geist selbst gibt Zeugnis unserm Geist, dass wir Kinder Gottes sind.
Sind wir aber Kinder, so sind wir auch Erben, nämlich Erben Gottes und Miterben Christi, wenn wir denn mit ihm leiden, damit wir auch mit zur Herrlichkeit erhoben werden.
Soweit der Text im Römerbrief.
Die Worte des Paulus sind voller Begeisterung. Ihr seid Kinder Gottes, seine Söhne und Töchter, ruft er uns zu. Ihr seid es, weil Gott euch dazu gemacht, weil er euch mit seinem Geist gegenwärtig ist. Dass es genau so ist, daran besteht für ihn kein Zweifel. Wer getauft ist und an Jesus Christus glaubt, hat den Geist Gottes empfangen. Das stellt er erst gar nicht zur Diskussion.
Und dieser Geist ist kein „knechtischer Geist“, wie Luther übersetzt. Er schließt uns nicht ein in uns selbst, macht uns nicht zum Gefangenen unserer Angst. Er macht uns nicht klein und lässt uns nicht furchtsam den Blick senken. Nein, er richtet uns auf. Wir können unseren Blick heben, den anderen ohne Furcht in die Augen schauen. Aber wir können noch mehr: Wir können zu Gott aufschauen und zu ihm rufen: Abba, lieber Vater!
Der Geist, den wir empfangen haben, stiftet Beziehung. Im Blickkontakt zwischen Menschen kommt zum Ausdruck, wie sie zueinander stehen. Freunde schauen sich in die Augen und wissen, wie es dem anderen geht. Liebende versinken gegenseitig in ihren Augen. Auch im Blickkontakt zwischen Fremden spiegelt sich ihre Begegnung. Ob sie von Vertrauen geprägt ist, von Misstrauen oder sogar Angst, von Einverständnis oder Abneigung.
Der Geist Gottes stiftet Beziehung, zunächst eine innige Beziehung zwischen uns und ihm. Gott der Vater, wir seine Kinder. Deshalb spricht Paulus vom „kindlichen Geist“, den wir empfangen haben. Der „kindliche Geist“ – das hört sich für unsere Ohren vielleicht nach Naivität an oder Abhängigkeit. Der griechische Begriff an dieser Stelle hat aber eigentlich einen anderen Klang. Er stammt aus dem Adoptionsrecht. Gott hat uns zu seinen Töchtern und Söhnen gemacht, er hat uns im eigentlichen Sinne adoptiert. Wir gehören zu ihm und er hat uns unverbrüchliche Rechte gegebene.
Wovon lassen wir uns bestimmen in unserem Fühlen, Denken und Handeln? Von welchem Geist lassen wir uns leiten? Zwei Möglichkeiten stellt Paulus uns vor Augen. Ihr könnt euch von einem knechtischen Geist leiten lassen, der euch gefangen hält in eurer Angst oder vom Geist Gottes. Dass der Mensch nicht in irgendeinem Verpflichtungsverhältnis steht, war für ihn unvorstellbar. Das moderne Ideal von absoluter Freiheit und Unabhängigkeit war seinem Denken fremd. Auch wenn zwei Möglichkeiten in den Zeilen des Römerbriefs anklingen, ist für Paulus eigentlich klar: Als Christen überlassen wir uns dem Geist Gottes. „Denn welche der Geist Gottes treibt, die sind Gottes Kinder.“ So formuliert Paulus es selbst.
Wir sind Gottes Kinder, weil Gottes Geist in uns wirkt, uns treibt in unserem Denken, Fühlen und Handeln. Wir lassen uns die Worte gefallen, aber wie merke ich es, wie spüre ich es, dass der Geist Gottes mir wirklich und wahrhaftig gegenwärtig ist? Wie kann ich gewiss sein, dass ich tatsächlich Gottes Kind bin? Denn ich kenne auch Momente, in denen Zweifel und Furcht nach mir greifen und ich dem dann nicht allzu viel entgegenzusetzen habe. Von Gewissheit keine Spur.
Es ist jedenfalls nicht so, dass das Leben die Menschen auf Rosen bettet, die sich als Kinder Gottes verstehen wollen. Leid, Niederlagen, Scheitern gehören zu jedem Leben dazu. Paulus lässt daran nicht den geringsten Zweifel. Als Kinder Gottes sind wir Geschwister Jesu. Und so wie er nicht vom Leid verschont wurde, werden wir es auch nicht. Die Herrlichkeit, zu der Gott uns als Miterben Christi bestimmt sind, steht noch aus.
Und doch lebt Paulus in unerschütterlicher Gewissheit. Ja, wir sind Gottes Kinder! Der Geist selbst gibt Zeugnis unserem Geist, dass wir Gottes Kinder sind. Wir können gewiss sein, weil Gott uns Gewissheit schenkt. Die Argumente drehen sich im Kreis.
Paulus war sicherlich von einer solchen Gewissheit beseelt. Aber wie geht es uns damit? Vielleicht liegt der Schlüssel zu dem Text gar nicht in dem, was Paulus sagt, sondern wie er es sagt. Er redet nicht über seine eigene Glaubensgewissheit. Er spricht die Gemeinde in Rom an, er spricht uns an. Wir alle sind Kinder Gottes! Ihr seid Söhne und Töchter Gottes. Seid gewiss! Lasst euch nichts anderes einreden. Sicherlich gibt es Momente, in denen die Angst auch in euch hineinkriecht, um euch zu beherrschen. Dann lasst es euch sagen: Ihr seid Kinder Gottes, Gott hat sich für euch entschieden, ihr seid der Angst nicht hilflos ausgeliefert.
Ich glaube, eine in sich ruhende Gewissheit kann es nicht geben. Wir alle sind darauf angewiesen, dass es uns immer wieder gesagt wird, wer wir sind. Paulus tut es heute Morgen. Und wir müssen uns immer wieder einander Gewissheit geben. Doch mit Worten allein ist es wohl nicht getan. Im Umgang miteinander soll sichtbar und spürbar werden, wer wir sind und wer auch die anderen sind. Und das beginnt vielleicht mit einem Blick, dem Moment, in dem ich einen anderen Menschen wirklich wahrnehme.
In dem Buch „Löwen wecken“ schildert Ayelet Gundar-Goshen uns Menschen, die unsichtbar sind, die am Rand der Gesellschaft leben. Sie senken ihren Blick, trauen sich nicht aufzuschauen mit erhobenen und herausfordernden Augen, die sagen: Ich bin da. Ein starkes Bild, das die Autorin für die Situation dieser Menschen benutzt. Ein Bild, das die ganze Traurigkeit und Ausweglosigkeit ihrer Lage zum Ausdruck bringt. Kein Mensch sollte so auf sich schauen, so von sich denken. Ich bin da – jeder hat das Recht zu diesem eigentlich so banalen Satz. Vielleicht muss dem aber ein anderer Satz vorausgehen: Du bist da! Vielleicht muss man diesen Satz hören, wahrnehmen und sei es nur in einem Blick, damit man sagen kann: Ja, ich bin da und die anderen sollen es merken.
Nehmen wir Paulus ernst mit dem, was er uns zu sagen hat. Wir sind Kinder Gottes und als Kinder Gottes sollen wir miteinander umgehen. Gott schaut uns an und in seinem Blick sagt er uns: Du bist da und du gehörst zu mir. Ja, wir sind da und wir können deshalb unseren Blick heben. Und weil wir das können, können wir auch anderen Menschen in die Augen sehen und ihm zu verstehen geben: Du bist da, ich nehme dich wahr. Ich sehe, wie es dir geht und ich höre dir zu.
Wenn uns das miteinander gelingt, dann ist uns der Geist Gottes wirklich und wahrhaftig und spürbar gegenwärtig. Dann wirkt er in uns voller Lebendigkeit. Dann leben wir als Kinder Gottes mitten in der Welt. Geben wir ihm die Möglichkeit dazu. Amen.

 

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