Evangelische Sankt Petersgemeinde
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Judika 2016 mit Judas    Sankt Petersgemeinde Frankfurt    Pfarrerin Lisa Neuhaus

Mit großem Dank an alle Frauen, die beim Bibliodrama am 24.2. dabei waren,
und an Erdmuthe Gravenhorst und Frauke Kursawa,
die sich an Judas gewagt haben und Texte dazu verfasst haben!

Im Markusevangelium wird erzählt:
Es war vor dem Passafest in Jerusalem.
In Bethanien am Ölberg sitzt Jesus mit den Seinen zu Tisch
und eine Frau salbt ihm den Kopf mit kostbarem Öl.
Jesus deutet das als Vorbereitung auf sein Sterben.
„Und Judas Iskarioth, einer von den Zwölfen, ging zu den Hohen Priestern,
um Jesus an sie auszuliefern.
Als sie das hörten, freuten sie sich und versprachen, ihm Geld zu geben.
Und er suchte nach einer günstigen Gelegenheit, ihn auszuliefern.“
(Markus 14, 10 bis 11)

Liebe Gemeinde.
Judas gehört auch zum Weg der Passionszeit hinauf nach Jerusalem.
Von allen Jüngern Jesu ist er am bekanntesten  geworden
und ist dabei besonders anrüchig und umstritten.
Ein „Judaskuss“ ist sprichwörtlich der Inbegriff des Verrats an einem vertrauten Menschen
und „Judaslohn“ ist ein Lohn für eine Tat, auf der kein Segen liegt.
Bis in die Popmusik von heute ist das überliefert.

Judas, der Verräter, so ist er in die Geschichte des Christentums eingegangen,
auf zahllosen Gemälden abgebildet, als Figur in der Literatur.
Er steht für die Faszination des Bösen:
warum hat er Jesus verraten, einen Freund  
– und besonders niederträchtig: durch ein Zeichen von Liebe und Freundschaft!
War Judas ein Werkzeug oder ein Opfer des Teufels,
war er ein Werkzeug Gottes,
war er einfach gemein und böse – oder wollte er mit Gewalt Gutes erreichen?
Am Ende, so wird erzählt, nimmt er sich das Leben.

In der Geschichte der Kirche, leider auch bei Martin Luther in unsrer evangelischen Tradition,
führen die Phantasien über Judas zu bösartigen Übertragungen:
Nicht in uns steckt Böses, das Böse kommt von außen, von den Fremden,
von denen, die als Andere erlebt wurden.
Das waren Projektionen mit grausamen Folgen für das jüdische Volk,
wir wissen es alle.
Die Juden wurden insgesamt zu Judas erklärt, der den Heiland verrät,
aus Geldgier, mit dem Teufel im Bunde.
Bis heute gibt es in katholischen Ländern, von Spanien bis Mexiko
bei den Gruselprozessionen in der Karwoche Judasfiguren, die verbrannt werden.
Gedanken und Geschichten können lebensgefährliche Folgen zeitigen.
Sie klingen auch noch in unseren Passionsspielen und in den Passionen von J.S.Bach nach.

Ich frage mich oft, liebe Gemeinde:
Warum beschäftigen sich Theologen, Maler  Schriftsteller so viel mehr und wohl auch so viel lieber mit Judas als zum Beispiel mit der Frau, die Jesus gesalbt,
die eine gute Tat an Jesus getan hat?

Was bleiben wir einander und vor allem: was bleiben wir den Kindern schuldig,
wenn wir viel mehr von Gewalt und Grausamkeiten erzählen
als von der Güte und der Liebe zwischen Menschen?
Wo wären wir im sog. christlichen Abendland ohne all die Hoffnungsgeschichten der Bibel?
Mit Gott groß werden, wie Elli und die vielen Kinder, die wir hier taufen – mit Gott groß werden,
das heißt doch, von der Kraft der Hoffnung gestärkt werden.
Mit Gott Mauern, Grenzen überwinden,
bei Gott Weite finden, die den Geist frei macht für gute Gedanken und Pläne
und die Hände bereit macht zum Helfen.
Erzählen wir einander, was unsere Hoffnung stärkt, liebe Gemeinde.
Spornen wir uns gegenseitig an, die Kraft von Gottes gutem Geist zwischen uns lebendig werden zu lassen.

Aber heute ist Judas dran. Ein Opfer der  Faszination des Bösen.
Ist er damit ein hoffnungsloser Fall?
Oder gibt es Hoffnung für Judas?

In den Worten und zwischen den Buchstaben der biblischen Geschichten liegt viel Unerzähltes.
Alle von uns lesen hinein, was wir kennen, was wir wünschen, was wir fürchten.
Nur im Austausch wird sich immer wieder klären lassen,
was übers Ziel dessen, was da steht, hinaus schießt.

Vorletzte Woche haben wir in einer Gruppe Erfahrungen mit Judas gemacht:
Im Bibliodrama, einer spielerischen Art, sich mit Geschichten zu beschäftigen
und sie in Szene zu setzen, haben zwei aus der Gruppe mit viel Mut den Judas gespielt.
Ich stelle ihren Versuch, Judas gleichsam von innen zu verstehen neben die Sicht der Evangelien.

„Ich bin Judas. Ich sehe mich als Opfer.
Einer musste es ja schließlich tun,
einer musste dafür sorgen, dass die Voraussage Jesu erfüllt wird:
„Einer von euch wird mich verraten.“
Hätte es ein anderer tun sollen oder können? Wer?

Ohne den Verrat kein Christentum!
Einer musste es tun, und das war ich.
Warum hat Jesus aber den Verrat zugelassen und mich nicht abgehalten?
Er wusste ja bereits vorher davon und hat beim letzten Abendmahl alle von uns verdächtigt.
Das hat mich eigentlich darin bestärkt, dass ich den Verrat begehen sollte.
Allerdings: Jesus war ja bei allen bekannt,  
mein Kuss war eigentlich gar nicht nötig, um ihn zu erkennen.
Sie hätten Jesus auch so erkannt. Wozu also das alles, diese Schuld?

Ich bin Judas. Ich habe den Verrat auf mich genommen. Das war meine Rolle in der Geschichte.
Aber ich bin mit der mir zugewiesenen Schuld nicht fertig geworden. Mir blieb nur der Strick.“

Der eine Versuch im Spiel, Judas zu verstehen:
Judas als Opfer, unfrei, ohnmächtig, resigniert (beim Spiel bis in die Körperhaltung hinein):
einer musste es ja tun.
Ihm hat Jesus nicht geholfen, mit dieser Rolle im Leben fertig zu werden.
Kein Wunder kann er damit nicht leben und verurteilt sich selbst.
Wer will ihn beurteilen, verurteilen?

 

Eine andere aus der Gruppe erlebt im Spiel eine andere Sicht auf Judas.

„Ich bin Judas. Ich brenne für meine Sache.
Jesus ist der Messias und ich will dabei sein, wenn er endlich in Erscheinung tritt.
Aber jetzt bin ich bitter enttäuscht von ihm.
Er ist bereit zu sterben. Er will sich kreuzigen lassen. Weil das sein Weg sein soll mit Gott, sagt er..
Das kann doch nicht wahr sein!  Das kann doch nicht das Ende sein von so viel Hoffnung.
Ich komme aus einem Stamm von Kämpfern.
(Der Beiname von Judas, Iskariot kann auf die Zugehörigkeit zu den Sikkariern, einer militanten Gruppe gegen die römische Besatzung schließen lassen,
mit dem Wunsch, Gottes Herrschaft mit Gewalt zu erkämpfen)
Wir gehen bis zum Äußersten und geben nicht auf.
Also ist es mein Teil der Geschichte, Jesus zum Äußersten zu bewegen.
Er soll vom Kreuz herabsteigen. Er soll endlich zeigen, wer er ist.

Die Geschichte wird nicht gut für mich ausgehen, das weiß ich.
Aber ich bin kein Opfer!  Ich will es wenigstens versuchen,
Jesus herauszufordern, dass er zeigt, wer er ist und was in ihm steckt.
Es ist einfach mein Job.
Ich hätte mir den ja nicht ausgesucht, aber er wurde mir gegeben.
Und so vollbringe ich ihn bis zum Ende.

Und dann gibt es Zeiten, in denen ich das alles anzweifle.
Ich verzweifle an mir selbst und an dem, was ich getan habe.
Wie konnte ich mich nur darauf einlassen?
Ich will das am liebsten alles rückgängig machen.
Ja, diese Seite gibt es auch.
Aber ich gehe meinen Weg zu Ende,, mit allem, was dazu gehört.
Wir können erst weitergehen, wenn wir das Ende geehrt haben.
Erst dann geht es weiter.

Mein Plan wird nicht aufgehen, das ahne ich schon jetzt.

Aber dann ist es zu spät. Jesus wird am Kreuz sterben.
Das macht mich unendlich traurig.
Ich sehe keinen anderen Ausweg, als es ihm gleich zu tun und auch zu sterben.
Seine Auferstehung werde ich nicht mehr miterleben.

Das wahrlich Tragische ist für mich, dass später kaum jemand sehen wird,
dass ich für den Messias brenne und ihn nicht aus selbstsüchtigen Gründen ans Kreuz liefere.
Er wäre ja sowieso von den Häschern gefunden worden, auch ohne meinen Kuss.
Ich habe nur mehr Dynamik in die Geschichte gebracht.
Und so gibt es nun einen Schuldigen, der ebenfalls viel auf sich nimmt.
Ich bin Judas und ich brenne für meine Sache.

Und ich dachte, das wäre auch Gottes Sache.“

Zwei Frauen aus der Gemeinde haben versucht, Judas von innen zu verstehen.

Der Apostel Petrus, Namenspatron unserer Petersgemeinde,
erzählt auch von Judas. Aus seiner Sicht.
Das habe ich erst jetzt entdeckt.
In der Apostelgeschichte wird nach Auferstehung und Himmelfahrt Jesu davon erzählt
(Apg 1, 13 – 17):

Nach dem Tod von Judas sind ja von den 12 Jüngern nur noch 11 übrig.
Einer fehlt. Es scheint, er fehlt schmerzlich.
Die Umstände seines Todes werden aufs grausigste geschildert.

Jetzt muss  wieder einer dazu kommen,
es sollen 12 Apostel sein. Wie es auch 12 Stämme in Israel gibt.
Die Jünger kommen zusammen zur Wahl eines Nachfolgers für Judas, so wird erzählt.
Bei dieser Gelegenheit sagt Petrus über ihn:
„Judas war ja einer von uns und hatte Anteil am selben Dienst.“

Was auch immer die Gründe waren, die Judas getrieben haben,
was auch immer seine Motive waren, Jesus auszuliefern:
Er war einer von uns!

Judas gehört dazu, Judas ist nicht ausgeschlossen als der leibhaftige Böse.
Er ist ja einer von uns!
Steckt in diesen Worten Hoffnung für Judas?
Wird er befreit davon, wie ein Sündenbock die Last des Bösen auf sich zu nehmen?
Wird er befreit von der Einsamkeit und Verzweiflung seines Weges?
Auch von der Verurteilung durch die Nachwelt?

Er war ja einer von uns.
Auch zu Judas hat Jesus beim Abendmahl gesagt: mein Leben – für dich.
Vielleicht hat Judas sich im Augenblick seines Todes,
als er an seiner Schuld erstickt ist und seinem Leben aus Verzweiflung ein Ende gemacht hat,
an diese Worte erinnert – mein Leben für dich - und sich im Sterben Jesus in die Arme geworfen?
Das tun ja manche, die am Leben verzweifelt sind.

Er war einer von uns.
Judas, unser Bruder.
Dürfen wir mit Judas, für Judas und für uns selber hoffen,
dass auch Irrwege und Verrat uns nicht im Nichts enden lassen,
dass nichts uns trennt von der Liebe Gottes?
Wie könnten wir sonst für uns selber Hoffnung haben,
wenn er ein hoffnungsloser Fall bliebe?
Für Gott gebe es keine hoffnungslosen Fälle, heißt es.
Dann sollte es die auch für uns nicht geben.

Wir haben begründete Hoffnung,
dass Judas nach dem Tod,
am Ende seiner Zeit, hinausgeführt wird  in die Weite von Gottes Güte, ins Leben –
und alle unsere Toten auch.

 

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