Evangelische Sankt Petersgemeinde
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Gottesdienst am Abend in der Epiphaniaskirche am 29. Mai 2016
Pfarrerin Lisa Neuhaus, Sankt Petersgemeinde Frankfurt am Main

„Mit  neuen Gedanken alt werden
Jung bleiben an uralten Gedanken
Teilhaben am unsterblichen Leben
unsterblichen Leben“

Dieses schlichte Gedicht der hochbetagten Rose Ausländer begleitet mich in den letzten Wochen, liebe Gemeinde.
Ich höre das Gedicht wie eine Umschreibung von Glauben als Kraft zu hoffen.
Neue Gedanken braucht es, um nicht festgefahren oder gar fundamentalistisch zu werden.
Und wie uralte Gedanken, uralte Worte, jung halten, das kennen wir in der Kirche.
Die alten Worte der Bibel sind wirklich unsterblich.

„Mit  neuen Gedanken alt werden
Jung bleiben an uralten Gedanken
Teilhaben am unsterblichen Leben
unsterblichen Leben“

Um alte Worte und neue Gedanken geht es natürlich auch jetzt.
Um alte Worte aus dem Gesangbuch, die zu ihrer Zeit überaus jung waren.
Worte, die uns manchmal irgendwie jünger machen, wenn wir sie singen,
und die zugleich die Wehmut des Vergänglichen, des Vergangenen in sich tragen.

Ich meine DAS deutsche Abendlied (Lied 382 im Ev.Gesangbuch)
Der Mond ist aufgegangen,
die goldnen Sternlein prangen
am Himmel hell und klar,
der Wald steht schwarz und schweiget
und aus den Wiesen steiget
der weiße Nebel wunderbar.

Viele von uns werden in die Kindheit zurückversetzt,
mit der Melodie und den alten Worten verbinden sich Erinnerungen.
Erinnerungen auch an unverstandene, nicht wirklich kindgemäße Worte ---
Das kann ja auch schön sein:
der kindliche Versuch, eigenen Sinn in unsinnig Klingendes zu legen:
Statt der Zeile „der weiße Nebel wunderbar“ hat ja der „weiße Neger Wumbaba“
literarische Karriere gemacht, der da aus den deutschen Wiesen steiget…

Der Wald steht schwarz und schweiget.
Ja, das tut er auch heute noch, im Taunus, im Schwarzwald, wo immer.
Und doch beschwört das Bild vergangene Zeiten.
Aber war damals die Welt tatsächlich noch „traulich und hold“ (2. Strophe)?
Gab es diese Idylle: eine Welt ohne Riss und ein Leben ohne Knacks?
Traulich und hold:
das ist die Welt vielleicht nur im claire obscure der Dämmerung.
Wenn die scharfen Konturen verwischen
und das Wachbewußtsein eingefärbt wird
von dämmernden Erinnerungen und Träumen.
Die Dämmerung als Zeit, in der Vieles einfach vergessen werden darf:
was für eine Erlösung.

Das Lied macht jung und alt zugleich, so empfinde ich es.   
Was für eine Kunst!
Und ein Sprachkünstler ganz eigener Art war Matthias Claudius ja wirklich.
Sein kunstvolles Abendlied ist zum Volkslied geworden,
mindestens bis zur 4. Strophe.
Da wird es  manchen zu fromm,
wenn das obskure Wort Sünde über die Lippen soll und Gott direkt angesprochen wird.

Matthias Claudius war den einen zu nah an der Aufklärung, den anderen zu vernunftkritisch,
weil er den Glauben an die menschliche Vernunft und deren Fortschritt gern bespöttelt hat.

Goethe fand, so habe ich mich schlau gemacht,
Claudius sei ein „Narr,   voller Einfaltsprätensionen“.
Karl Kraus dagegen, wahrlich ein kritischer Geist, der Sprachkunst beurteilen konnte,
druckt Texte von Claudius in seiner „Fackel“ ab,
als eine „Stimme gegen das dröhnend-hohle Pathos der untergehenden Donaumonarchie“
und nennt Claudius sogar den allergrößten deutschen Dichter.
Vielleicht mögen wir das Lied auch deswegen gern,
weil es seine Stimme gegen die dröhnend-hohle Plastiksprache von heute stellt?

„Es ist immer so, die Hauptpunkte einer Religion sind verhüllt und zugedeckt.
Wie es nun überhaupt mit Geheimnissen ist.
Wer sie nicht weiß, der erklärt sie --- und wer sie erklärt, der weiß sie nicht.“ 

So formuliert Matthias Claudius  seine Überzeugung
und setzt sie in schönster lyrischer Form in unserem Abendlied um.
Seht ihr den Mond dort stehen,
er ist nur halb zu sehen
und ist doch rund und schön.
So sind wohl manche Sachen,
die wir getrost belachen,
weil unsre Augen sie nicht seh´n.

Hier wird nichts erklärt,
wie es mit den Grenzen des menschlichen Wissens und Erkennens ist.
Hier wird ein Bild gemalt, das spricht: die dunkle, die unbeleuchtete Seite des Mondes.

Dazu ein weiterer Gedanke von Claudius: „O Vetter, wenn dir ein Mensch vorkömmt,
der sich so viel dünkt und so groß und breit dasteht,
wende dich um und habe Mitleiden mit ihm.
WIR sind nicht groß,
und unser Glück ist, dass wir an etwas Größeres, Besseres glauben können.“
Ja, was für ein Glück, mehr zu kennen als sich selber und dann auch über sich selber lachen zu können anstatt zu belachen, zu verspotten, was wir nicht begreifen oder kennen.

Lachen können über unsere Ambitionen und Anstrengungen,
die großen und kleinen Dramen des Tages,
unsere Verwicklungen, Verwirrungen, Verwirbelungen…
Das könnte schön sein.

Wir, so legt es uns Claudius in den Mund, sind „eitel arme Sünder und wissen gar nicht viel“.
Sünde? Sünde wäre ja gerade dies:
zu meinen, wir wüssten und könnten alles und hätten die Macht.
Statt unsere mehr und weniger schönen Luftgespinste eben als solche zu erkennen: Gespinste.
Die sind wahrlich nicht das Ziel, höchstens schöne Beschäftigungen.

Mit der Sünde hat sich der Vernunftglaube,
dieser Glaube an das Gute im Menschen, immer schwer getan.
Und so gibt es in den Gesangbüchern aus der Zeit der Aufklärung
auch eine verräterische  Korrektur der Verse von Matthias Claudius:
aus „sind eitel arme Sünder“ wird da:  „wir fehlen mehr und minder…“  
Wir fehlen mehr und minder, ach ja.

„Und kommen weiter von dem Ziel“
„Zielführend“ – auch so ein dröhnend – hohles Wort unserer Zeit –
zielführend will MC-  lange vor der Erfindung dieses Wortes - wirken,
indem er mit der 5. Strophe die Sprechrichtung beim Singen anders ausrichtet:
aufs Ziel hin vermutlich, auf die Verbundenheit mit Gott, den Schöpfer, die Künstlerin…

Gott, lass uns dein Heil schauen,
auf nichts Vergänglich´s bauen,
nicht Eitelkeit uns freu´n.
Lass uns einfältig werden
und vor dir hier auf Erden
wie Kinder fromm und fröhlich sein.

Gott, lass uns dein Heil schauen –  so dichtet Claudius
In unserem Gesangbuch klingt es inzwischen durch eine kleine Änderung in der Reihenfolge der Worte, harmloser, das andere Metrum entschärft:
Gott, lass dein Heil uns schauen.
Gott, lass uns DEIN Heil schauen, so meint es Claudius.

Das Heilende, Heilsame, das Erlösende und Erfüllende, das Befreiende und Bezaubernde –
das Heil wird bei Gott sichtbar.
Und das dürfen wir „fromm und fröhlich“
mit der wahrhaft zielorientierten Einfalt von Kindern suchen.

„Wolle nur einerlei – und das von Herzen“,
schreibt Claudius an seinen Sohn Johannes.
So lässt sich umschreiben, was Jesus sagt:
werden wie die Kinder, um Gottes Reich zu finden, inwendig und auswendig….

Einfältig schön: die Melodie des Liedes ist auch einstimmig schön und vollkommen,
ist wie ein Kleid, das sich den Worten anschmiegt.

Die Einsicht in die eigene Begrenzung,
die Einfalt in der Ausrichtung auf die Ewigkeit Gottes,
das hilft im Leben – und hilft dann wohl auch im Sterben. 
Wohl denen, die einen sanften Tod finden in der Welt der Maschinen und der Sterbehilfe!
Und wenn DU uns genommen, lass uns in Himmel kommen,
du guter frommer treuer Gott…

Von der Betrachtung des Sternenhimmels mit all seinen Wundern werden wir zur Hoffnung auf den Himmel als Heimat bei Gott geführt – und immer wieder zurück.

Am Ziel des Liedes: die letzte Strophe.
So legt euch denn ihr Brüder,
in Gottes Namen nieder,
kalt ist der Abendhauch,
verschon uns Gott mit Strafen
und lass uns ruhig schlafen
und unsern kranken Nachbarn auch.

Weil ich heute die letzte Chance dazu habe, sage ich dann doch etwas über die Brüder..
Im 18. Jahrhundert durfte man das wohl noch so dichten und die Schwestern irgendwie mitmeinen oder auch nicht.
Ich singe lieber: „So legt euch denn, ihr Lieben“ 
und verhunze den Reim ein kleines bisschen,
bin mir aber sicher, wer da alles gemeint ist.

Die letzte Strophe holt uns –
darin ist sie der Geschichte von der Himmelfahrt verwandt,
die wir erst kürzlich unter blauem Himmel im Holzhausenpark gehört haben -
die letzte Strophe holt uns wie die Engelsboten an Himmelfahrt 
vom Himmelsblick nach oben zurück auf die Erde

Nicht mehr auf Wald und Wiesen, Nebel und Natur wird der Blick jetzt gelenkt,
sondern auf die Menschen, 
auf diejenigen also, die das Leben auf der Erde für einander zur Hölle machen können,
aber Gott sei dank auch manchmal zum Himmel!
Jedenfalls immer wieder zu einem guten, vielleicht sogar sicheren Ort,
zu einem schönen Lebensraum.

Wir brauchen einander, Schwestern und Brüder, denn „kalt ist der Abendhauch“.
Kalt kann es auf der Erde wirklich sein, das Leben immer gefährdet
durch den Abendhauch des Todes  und durch was für Strafen auch immer,
die über Menschen kommen oder die Menschen sich selber antun.
Der kalte Hauch in der Welt – was wärmt dagegen?
Gespräche. Wein und Brot. Der Trost der Musik, der Worte. Die Ruhe.

Der ruhige Schlaf ist angesichts von allem, was geschieht, immer ein Wunder.
und es sind so viele, die ihn nicht erleben:
die Kranken, die Schlaflosen, die von Alpträumen geplagten, auch in unserer Nachbarschaft.

„Auch ist das Gefühl eigener Hülflosigkeit  zu allen Zeiten
das Wahrzeichen wirklich großer Menschen gewesen,
ist überdem ein feines Gefühl,
und vielleicht der Hafen, aus dem man auslaufen muß,
um die Nordwestpassage zu entdecken.“
Ja dann, auf zu neuen Ufern…

Mehr von Claudius, von seiner Suche und seiner wunderbaren Sprache hören Sie
beim Sommervollmondkonzert am 21. Juni hier in der Kirche,
mit der schönen Stimme von Dietrich Volle.

Ich werde den nächsten Vollmond nicht hier sehen, sondern so Gott will von unserem  Schiff aus.
Aber jeder Blick auf den Mond verbindet uns mit dem Lied und mit allen, die es gern singen.

Und der Friede Gottes, der all unser Begreifen übersteigt,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

 

Die Zitate und viele Gedanken finden sich in der Interpretation zu diesem Lied in dem Buch
Geistliches Wunderhorn. Große deutsche Kirchenlieder, hg. von Hansjakob Becker und anderen

 

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