Evangelische Sankt Petersgemeinde
Gemeinde - Gottesdienste - Veranstaltungen - Musik - Kinder - Kindergarten


Predigt zum Konfirmationsjubiläum am Palmsonntag, 20.3.16   Epiphaniaskirche
Pfarrerin Lisa Neuhaus

Liebe KonfirmationsjubilarInnen, liebe Gemeinde.

„KonfirmationsjubilarInnen“:  das Wort will mir nicht so recht über die Lippen,
wenn ich Sie hier vorne sitzen sehe.
Jubilar: das klingt ein bisschen behäbig, und das sind Sie alle nicht.
Jubilarinnen: wir sollen Sie ja sicher nicht bejubeln
und eine Art kirchliche Festochsen sind Sie gewiss nicht!

Sie sind Menschen, die  hier in der Gemeinde leben
oder in der Jugend  im Nordend gewohnt haben.
Sie haben sich vor 50, 60 oder 75 Jahren konfirmieren lassen,
die Wege ins eigene Leben waren noch verborgen.
Sie sind Zeuginnen und Zeugen anderer Zeiten!

Die vor 60 Jahren hier konfirmiert wurden, erzählen von den Ruinen dieser Kirche,
in deren Mitte der Bogen stehen geblieben war,
und manche haben den Anfang des Neuen mit der Grundsteinlegung 1954 erlebt.
Auch in anderen Großstädten waren viele oder gar alle Kirchen zerstört in den 50er Jahren.
Damals (und erst recht vor 75 Jahren, mitten im Krieg)
war die Frage „was ziehe ich an zur Konfirmation“ noch nicht so gewichtig wie heute.
Eher gab es Probleme, woher überhaupt ein passendes Kleid und das Geld dafür kommen sollte oder wessen Anzug einem passen könnte.

In den 60er Jahren fand der Konfirmandenunterricht  2 Jahre lang 2 Mal in der Woche statt,
jedenfalls in Nordhessen. Und doch kannten Sie das Wort Stress damals wohl noch nicht. Sie hätten sicher auch keine Chance gehabt beim Pfarrer, wenn Sie versucht hätten, sich wegen Schulstress für den Unterricht zu entschuldigen. Heute kommt das häufiger vor.
Dafür durften  Mädchen damals noch nicht im Posaunenchor mitspielen,
das war in den 60ern noch Männersache wie so vieles andere in der Kirche.
Aber sie durften zur Konfirmation die ersten  „Nylonstrümpfe“ anziehen und sich nach der Konf. die Haare kurz schneiden lassen, einen „Bubikopf“,  wie das so nett hieß,
während die Jungs versuchten, in den Konfirmationsanzug reinzuwachsen.
Andere Zeiten!

Anders, sehr anders, sind auch die Sprüche, die Ihnen von den Pfarrern mitgegeben wurden.
Daran zeigt sich ein Stück Kirchen- und Glaubensgeschichte.
Heute suchen sich die „grünen Konfis“ ihre Sprüche selber aus,
es geht viel um Liebe und um Freisein  und Gott muss nicht unbedingt so direkt vorkommen.
Auch das wird sich vermutlich wieder ändern, wie die Kleidermode.

Ihnen wurden damals zum Teil ausgesprochen steile Ansagen mitgegeben,
aus heutiger Sicht wenig jugendgemäß.
„Siehe,  ich stehe vor der Tür und klopfe an…“:  
mitten im Krieg, als in manchen Häusern nachts die Gestapo an die Tür geklopft hat!

„Sei getreu bis in den Tod“:
für Jugendliche, die mit Erfahrungen von Krieg und Tod  gezeichnet ins Leben gegangen sind!

„Ich schäme mich des Evangeliums nicht“:
Was für ein Auftrag in einem Alter, in dem Scham das Oberthema ist!
„Halte, was du hast, dass niemand deine Krone nehme.“
Das war für Mädchen in den 60er Jahren durchaus ein erhobener Zeigefinger….

Andere Zeiten. Große Worte. Weit weg von heute,  vom Glauben als Hoffnung auf Liebe und Wärme und Mitgefühl -  in einer Gesellschaft, die manchmal eiskalt erscheint.

Sie alle sind Ihre eigenen Wege mit Glauben und Kirche gegangen, in Nähe und Abstand,
wie es zu Ihnen passt, bei manchen auch mit Unterbrechung der Mitgliedschaft.
Aus der Kirche auszutreten wurde ja ab den 70er Jahren immer normaler.
Für manche ist die Gemeinde  ein wichtiger Lebensraum geworden,
durch Orgeldienste und Verteilen der Gemeindebriefe, Ämter und Aufgaben
durch regelmäßige oder weniger regelmäßige Gottesdienstbesuche,
wie es für Sie in evangelischer Freiheit passt.
Ihre eigene Form der Zugehörigkeit ist Ihnen wichtig genug, dabei zu bleiben.
„Irgendwie ein Stück Heimat“, hat einer von Ihnen gesagt.

Und heute zeigen Sie öffentlich vor der Gemeinde,  dass es Ihnen wichtig ist dazuzugehören.
Sie bringen Ihren Dank mit für vieles, was war.
Sie zeigen, dass Sie etwas brauchen, von Gott und von der Gemeinschaft:
die Bestärkung durch die Kraft der Taufe und den Segen.
Den Segen Gottes und dieser Gemeinschaft, bei der Sie bleiben wollen,
auch in den Jahren, die kommen.

Jahre frei von den  Zwängen der Erwerbsarbeit.
Raum für Neuentdeckungen, vielleicht auch im Glauben!
Manche von Ihnen sind jetzt  umso mehr anderen verpflichtet, die  Ihre freie Zeit,
Ihre Fürsorge und Pflege brauchen:
Enkelkinder, Partner oder Partnerin, Geschwister, Freundeskreis.
„Stärke und Hilfe zu allem Guten“ braucht es da, wie es im alten Konfirmationssegen heißt.

Mit zunehmendem Alter gibt es mehr Verluste, sagt man uns gern.
Ja, die eigenen äußeren Kräfte werden weniger, auch wenn die inneren oft mehr werden.
Es braucht „Schutz und Schirm vor allem Argen“,
die Gnade,  auszuhalten, was mein Teil, mein Weg ist.
Vielleicht  braucht es auch Bewahrung davor, in Wehmut oder Bitterkeit zu versinken.
Es ist wohl eine Gnade,  offen nach vorne schauen zu können
auf das, was  jetzt noch verborgen vor Ihnen liegt.

So sind wir hier gemeinsam im Raum dieser Kirche.
Sie zeigt ihre eigenen Spuren von Alter und Verlusten und ist doch voller Leben und Licht.
Wir sind hier verbunden in der Sehnsucht nach Gnade und Bewahrung und Segen.
„Gott gebe euch Gnade, Schutz und Schirm vor allem Argen, Stärke und Hilfe zu allem Guten, dass ihr bewahrt werdet zum Leben.“

Außer den Kraftworten des alten Konfirmationssegens möchte ich Ihnen ein Bibelwort mitgeben; es war der Konfirmationsspruch von einer aus der Gruppe:                         

Jesus sagt: Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben.
Die in mir bleiben und ich  in ihnen, die bringen viel Frucht.   (Johannes 15, 5 )

Was für ein starkes Bild der Zugehörigkeit und der Hoffnung!
Zwischen Weinstock und Reben fließt der Lebenssaft,
die Lebenskraft in jeder Phase des Lebens.
Aus der Erde werden die Wurzeln genährt, oft auch auf kargem Boden.
Wasser vom Himmel erfrischt.
Es gibt organische Verbindungen unter einander und mit Jesus, dem Weinstock,
ganz von selber, sozusagen automatisch,
ohne dass sich eine Rebe oder ein Blatt oder Zweig anstrengen müsste.
Manche sind nah dran am Stock, andere weiter weg.
Alle tragen Frucht.

Wenn Sie auf die vergangenen Jahre  zurückschauen mit diesem Bild,
dann werden Sie entdecken, wie viele Früchte Ihr Leben bisher gebracht hat.
Vielleicht sehen Sie die Früchte nicht immer. Aber bei Gott: es ist so!
Und so wird Ihr Leben weiter Frucht bringen.

Es gibt ja außer den Trauben eine Fülle von Früchten des Weinstocks.
Blätter können nähren,
die Trauben als Saft oder aber auch als Rosinen noch im Winter Süße ins Leben bringen.
Der Traubenessig würzt.
Der Wein sorgt für Genuss und Freude.
Der Weinstock spendet Schatten als Laube
und er  wärmt noch am Ende, wenn er als Brennholz dient.

Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben, sagt Jesus.
Und dadurch wird Gott verherrlicht und groß gemacht,
dass ihr viel Frucht bringt und zu mir gehört.

Die Weingärtnerin Gott sorgt dafür, dass alle Teile des Weinstocks ihre Frucht bringen.
Gott  freut sich daran und sonnt sich  im Glanz dieser Früchte.
Nichts und niemand geht verloren, jedes Leben bringt Frucht.

Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft,
bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Herrn und Bruder.
Amen.

 

Evangelische Sankt Petersgemeinde - Frankfurt am Main - Nordend - Evangelische Kirchen in Hessen und Nassau
Kontakt - Gottesdienste - Veranstaltungen - Musik - Kinder - Kindergarten