Das Herzensgebet

Bei der Suche nach einer Gebetsweise, die im hektischen und schnelllebigen Alltag trägt, finden Menschen heute oft zum Herzensgebet. Dieses ist auch als Jesusgebet, Ruhegebet oder kontemplatives Gebet bekannt. Das Herzensgebet ist eine christliche Gebetsweise, bei der ein Wort oder Gebetssatz unablässig wiederholt wird. Der ursprüngliche Wortlaut heißt: "Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner". Äußerlich betrachtet ist das alles. Dem Ursprung nach geht diese Gebetsweise auf Jesus selbst zurück, der seine Jünger einmal zum immerwährenden Gebet aufforderte (Lukas 18,1; 21,36; vgl. auch die Aufforderung von Paulus, man solle "ohne Unterlass" beten, 1. Thessalonicher 5, 17).

Fasziniert davon, Jesus in allem nachzuahmen, ließen sich Menschen bald nach seinem Tod in der Wüste nieder, um das immerwährende Gebet zu praktizieren. Hierzu dienten ihnen einzelne Psalmverse, die sie innerlich unablässig wiederholten, z.B. "Gott, komm mir zu Hilfe, Herr, eile mir zu helfen" (Ps 70, 2). Daneben waren auch das Wort "Kyrie eleison" (Herr, erbarme dich) und andere Worte oder Bibelverse beliebt. Einer ähnelte dem Ruf des blinden Bartimäus, der sich in seiner Not an Jesus wandte: "Herr, Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner" (Markus 10,47). Damit war das Herzensgebet geboren. Die verschiedenen Gebetsworte wurden im Lauf der Zeit oft durch die alleinige Anrufung des Namens "Jesus Christus" ersetzt. In dieser Kurzform fand es Verbreitung in den Klöstern der ägyptischen Wüste. Von dort gelangte es nach Griechenland auf den Berg Athos und ab dem 15. Jahrhundert in die russisch-orthodoxe Kirche. Über Begegnungen und ökumenische Austausche gelangte es in die Kirche des Westens und erfreut sich hier wachsender Beliebtheit.

Das Herzensgebet gilt als der einfachste und direkteste Weg des Betens, das immer und überall praktiziert werden und in große Tiefen führen kann. Es ist ein stilles Verweilen vor Gott, das ohne Worte auskommt, und steht in einem wohltuenden Kontrast zu unserer oft lauten und wortlastigen Welt. Im Zentrum stehen nicht Gedanken und Emotionen, sondern die innere Ausrichtung auf Gott. Von den inzwischen zahlreichen deutschsprachigen Büchern über diese Gebetweise sei auf zwei sehr prominente Veröffentlichungen hingewiesen:
1) Franz Jalics, Kontemplative Exerzitien. Eine Einführung in die kontemplative Lebenshaltung und in das Jesusgebet, Würzburg (Echter) 16. Aufl. 2016, 400 S.
2) Emmanuel Jungclaussen, Unterweisung im Herzensgebet, St. Ottilien (EOS), 3.,verb. Auflage, 2008, 127 S.


Dr. Robert Biersack

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